Müller-Uri

Richard Karl Friedrich

Geb. 7. Februar 1859 in Hüttensteinach (Sonneberg)

Gest. 5. September 1925 in Braunschweig

 

Genialer Glasbläser für die Wissenschaft, lieferte von Braunschweig aus wissenschaftliche Geräte in alle Welt

© Rudolf G. A. Fricke
     
                                               

Sein Geburtsort liegt in einer Region des Thüringer Waldes, die für ihre Glaskunst berühmt ist. Der Familientradition folgend, erlernte er das Glasbläserhandwerk; wie es üblich war, bei Familienangehörigen. Seine letzte Station war die Werkstatt des Geißler-Nachfolgers Franz Müller (1838-1906) in Bonn. Sie war Anziehungspunkt für begabte Glasbläser, eine Art Meisterschule. Interessanterweise ließ er sich hier mit der Berufsbezeichnung Kaufmann in das Einwohnerverzeichnis eintragen. Dies verweist bereits auf das Bestreben, eigene Fabrikationen zu vermarkten.
Zur Ausbildung seiner kaufmännischen Kenntnisse besuchte er Kurse an Wirtschaftsschulen, darunter in England und Ungarn. Auch an seinen naturwissenschaftlichen Kenntnissen, die ihm als Instrumentenbauer und –konstrukteur zugute kamen, die ihm die wissenschaftliche Durchdringung seiner Fabrikate ermöglichten, arbeitete er. Müller-Uri besuchte in Bonn Physikvorlesungen bei Heinrich Hertz (1857-1894) und Vorlesungen in Chemie bei August Kekulé von Stradonitz (1829-1896).

1894 folgte Richard Müller-Uri dem Ruf seines Vetters Louis Müller-Unkel (1853-1938) und stieg als Teilhaber in dessen Geschäft in Braunschweig mit ein. Unterschiedliche Auffassungen über die Unternehmensführung zwischen ihnen sorgten dafür, dass sich beide nach nur wenig mehr als einem Jahr wieder trennten. Müller-Uri gründete nun in Braunschweig eine eigene Produktionswerkstatt für Gasentladungsröhren, die er auf den „Handel mit chemischen und physikalischen Apparaten und Utensilien“ ausweitete.

Er firmierte damit zunächst in der Rebenstraße, 1900 erwarb er ein Haus in unmittelbarer Nachbarschaft zur Hochschule, in der Schleinitzstraße. Richard Müller-Uri blieb bestrebt, über Entwicklungen in der Physik und Technik informiert zu sein. Er besuchte an der Braunschweiger Technischen Hochschule Vorlesungen und er trat dem Verein für Naturwissenschaften bei. Geschäftstüchtig nutzte er seine Hochschulkontakte und seine Mitgliedschaft in dem naturwissenschaftlichen Verein, indem er regelmäßig über Neuerungen im Instrumentenbau referierte. Mehrfach hat er an Versammlungen der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte teilgenommen und hier ebenfalls über Produkte aus seiner Werkstatt referiert. Erkannte er bei den Besuchen von Vorlesungen und wissenschaftlichen Vorträgen apparative Schwächen gezeigter Demonstrationsexperimente, versuchte er sie durch eigene Gerätekonstruktionen zu beheben. Beispielsweise fertigte er Gasentladungsröhren in „extragrossen Abmessungen" an, damit Entladungserscheinungen „auch für weniger scharfe Augen in den grössten Auditorien noch auf den weiter abliegenden Plätzen sichtbar" wurden. Für die Demonstration von Spektralröhren, als ein weiteres Beispiel seiner technologischen Entwicklungen angeführt, konstruierte er eine Kammer, in der gleich mehrere Röhren untergebracht werden konnten. Über einen Revolvermechanismus ließen sich diese der Reihe nach in Betrachtungsposition bringen. Auf beeindruckende Weise gelang es Richard Müller-Uri, sich in den rasant entwickelnden Markt für Röntgenröhren einzuschalten. Er entwickelte eine Röhre, die speziell für die Strahlenbehandlung von Hauttuberkulose (Lupus) ausgerichtet war. Insgesamt brachte er 34 durch Patent geschützte Gerätekonstruktionen heraus.

Müller-Uri scheint mit einer gehörigen Portion Unternehmermut ausgestattet gewesen zu sein und ein Gespür für zukunftsweisende Entwicklungen gehabt zu haben. So nahm er ein in Amerika entwickeltes Beleuchtungssystem in sein Vertriebsprogramm auf, obwohl dieses von Physikern und Technikern hart kritisiert und geringschätzig bewertet wurde. Es handelte sich um den Vorläufer unserer heutigen Leuchtstoffröhren.
Richard Müller-Uri vertrieb neben eigenen Fabrikaten zunehmend auch Produkte anderer Hersteller. Er baute ein Unternehmen auf, das man heute wohl kurz als Lehrmittelfirma bezeichnen würde. Regelmäßig herausgegebene Produktinformationen, ein auf 280 Seiten anwachsender, reich bebilderter und mit mehrsprachigem Index versehener Katalog, zeugen von einer erfolgreich verlaufenden Geschäftsentwicklung. Überall auf der Welt, an Schulen, Universitäten und in Museen, finden sich heute noch Geräte des Braunschweiger Unternehmens. Das Deutsche Museum präsentiert zwei schöne Gasentladungsröhren (Blume, elektrisches Ei) in der Dauerausstellung.

Nach seinem Tod übernahm ein Verwandter das Geschäft. Nach dem Zweiten Weltkrieg in eine immer schwierigere wirtschaftliche Lage geratend, wurde das Unternehmen »Richard Müller-Uri – Glastechnische Erzeugnisse, Laboratoriumsbedarf, Apparate für chem. u. phys., meteorol. u. bacteriol. Institute« schließlich 1950 aufgegeben und aus dem Handelsregister gelöscht. 

 






Weiterführende Literatur: Rudolf G. A. Fricke, Günter Dörfel, Hermann Schaedel: Braunschweiger und andere Röntgen(röhren)pioniere Müller - Fachliche Verwandtschaften und verwandtschaftliche Beziehungen. In: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Band 98, 2017 (ZDB-ID 13606645), S. 125-140.

Zur Genealogie Müller: http://www.rudolf-fricke.de/Glasmacher/Mueller_Gen.htm
             
                                               
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